Das Jahr 2026 gilt als Wendepunkt in der europäischen Regulierungspolitik. Viele bedeutende Gesetzesvorhaben der letzten Jahre treten nun in die entscheidende Umsetzungsphase ein. Für Unternehmen und Interessenvertretungen beginnt damit der eigentliche Stresstest: Regulierungen werden wirksam, ggf. kostenrelevant und sanktionierbar. Aus Public-Affairs-Sicht ist 2026 weniger ein Jahr neuer politischer Visionen, sondern vielmehr eines der konkreten Umsetzung mit direkten Auswirkungen auf nationale Gesetzgebung, Verwaltungspraxis und Standortpolitik, auch in Österreich.
Digitale Regulierung im Praxistest
In den Bereichen IT, Tech und Netzpolitik wird 2026 zum Jahr der Anwendung. Der EU AI Act erreicht zentrale Anwendungsphasen und verpflichtet Unternehmen, KI-Systeme regulatorisch belastbar zu organisieren. Governance-Strukturen, Risikoanalysen und Dokumentationspflichten werden prüf- und sanktionsrelevant, nicht nur für große Anbieter, sondern auch für Unternehmen, die KI in ihre Geschäftsprozesse integrieren. Gleichzeitig befindet sich der Digital Fairness Act weiterhin in Verhandlung. Ziel ist es, digitale Geschäftsmodelle stärker auf Verbraucherfairness, Transparenz und den Schutz vor manipulativen Designpraktiken auszurichten. Zusammen mit der zunehmenden Durchsetzung des Digital Services Act (DSA) und des Digital Markets Act (DMA) verschiebt sich der Fokus von politischer Zielsetzung hin zu konkreter Marktaufsicht.
Für Österreich bedeutet dies, dass EU-Vorgaben unmittelbar in nationale Vollzugsstrukturen übersetzt werden, von der Rolle der Datenschutzbehörde bis hin zu neuen Zuständigkeiten im Markt- und Konsumentenschutz. Eine frühzeitige Positionierung gegenüber relevanten Entscheidungsträger:innen wird damit zentral.
Energie, Klima und Umwelt Regulierungen mit Standortwirkung
Auch für Klima- und Umweltpolitik wird 2026 entscheidend. Der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) tritt in seine operative Phase ein: Ab 2026 wird der verpflichtende Erwerb von Emissionszertifikaten Realität. Für exportorientierte Volkswirtschaften wie Österreich entstehen dadurch unmittelbare Kosten- und Wettbewerbswirkungen entlang internationaler Lieferketten.
Ebenfalls ab 2026 greift die Umsetzungspflicht der Nature Restoration Regulation, die Auswirkungen auf Infrastrukturprojekte, Industrieansiedlungen und den Ausbau erneuerbarer Energien haben wird. Parallel werden weitere zentrale Rechtsakte verhandelt oder angewendet, darunter der Circular Economy Act, die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) sowie die Euro-7-Regulierung für PKWs.
Produkthaftung und Verantwortung
Ab 2026 gilt die EU Product Liability Directive (PLD), die die Haftung für Produkte strenger regelt. Dies betrifft besonders digitale Produkte, KI-Systeme und vernetzte Anwendungen in der Industrie. Unternehmen sind künftig stärker verantwortlich für die Sicherheit und Zuverlässigkeit ihrer Produkte. Das bedeutet, dass sie beim Design und der Entwicklung von Software darauf achten müssen, wie ihre Produkte genutzt werden und welche Daten sie verarbeiten.
Auswirkungen auf Public Affairs in Österreich
Für Public-Affairs-Manager geht es 2026 weniger um die Beeinflussung europäischer Grundsatzentscheidungen, sondern mehr um deren Auslegung, nationale Umsetzung und Vollzugspraxis. In Österreich entscheidet sich die Wirkung oft in Verordnungen, Leitlinien und behördlicher Interpretation. Dabei ist besonders das politische Umfeld zu beachten und wie diese Vorhaben vor dem Hintergrund des aktuellen Fokus auf Deregulierung und Kosteneinsparungen der Bundesregierung und Landesregierungen realisiert werden.
Erfolgsentscheidend für Public Affairs in Österreich sind daher:
– Frühzeitiges Monitoring nationaler Umsetzungsschritte
– Strukturierter Dialog mit politischen Entscheidungsträger:innen
– Allianzen entlang der Wertschöpfungskette
– Klare Narrative für eigene Interessen, sowie zu Umsetzbarkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Standortinteressen
Fazit
2026 ist Europas Regulierungs-Stresstest, auch für den Wirtschaftsstandort Österreich.
Unternehmen sollten sich spätestens jetzt intensiv mit bevorstehenden EU-Regulierungen auseinandersetzen, um gut vorbereitet zu sein, wenn diese national relevant werden. Für strategische Public Affairs ist es entscheidend, jetzt aktiv zu werden: zwischen Brüssel, Wien und der praktischen Umsetzung.
Verfasst von Anna Jonas